Dienstag, 24. März 2020

Beschreibung des Gebetsleben


 

Jeder von uns muss seinen Tagesablauf und sein Gebetsleben genau organisieren und planen. Wie? Ich erzähle Ihnen eine kleine Geschichte, die zum Nachdenken anregt.

Eines Tages wurde ein alter Lehrer engagiert, um einer Gruppe von etwa fünfzehn Vertretern großer Unternehmen eine Weiterbildung zum Thema »Effizientes Zeitmanagement« zu geben. Dieser Kurs war einer von fünf Workshops, die an ihrem Schulungstag stattfanden. Der alte Lehrer hatte also nur eine Stunde zur Verfügung. Aufrecht vor ihnen stehend, schaute er sie langsam nacheinander an und sagte dann zu ihnen: »Wir werden jetzt ein Experiment machen.« Unter dem Tisch holte er einen riesigen Topf mit mehreren Litern Volumen hervor und stellte ihn vorsichtig vor sich hin. Anschließend präsentierte er zwölf etwa tennisballgroße Steine und legte sie ebenfalls vorsichtig einer nach dem anderen in den großen Topf. Als der Topf bis zum Rand gefüllt war und es unmöglich war, noch einen weiteren Stein hineinzutun, schaute er seine Schüler an und fragte sie: »Ist der Topf voll?« Alle antworteten: »Ja.« Er wartete einige Sekunden und fügte hinzu: »Wirklich?« Dann bückte er sich erneut und holte unter dem Tisch ein mit Kies gefülltes Gefäß hervor. Mit Sorgfalt schüttelte er diese Kieselsteine über die großen Steine und vermischte dann alles vorsichtig im Topf. Die kleinen Kieselsteinchen drangen in die Zwischenräume zwischen die großen Steine bis zum Boden des Topfes. Der alte Lehrer schaute seine Hörer erneut an und fragte noch einmal: »Ist der Topf voll?« Diesmal fingen die Schlauesten seiner Schüler an, ihm auf die Schliche zu kommen. Einer von ihnen antwortete: »Wahrscheinlich nicht!« »Gut!«, entgegnete der alte Lehrer. Erneut bückte er sich und diesmal holte er unter dem Tisch Sand hervor. Er schüttelte ihn in den Topf. Der Sand füllte die Zwischenräume zwischen den großen Steinen und den Kieselsteinen aus. Und noch einmal fragte er: »Ist der Topf voll?« Diesmal antworteten die Schüler, ohne zu zögern und im Chor: »Nein!« »Gut!«, antwortete der alte Lehrer. Und als ob die Schüler schon darauf gewartet hätten, nahm er den Krug mit dem Wasser, der auf dem Tisch stand und füllte den Topf bis zum Rand voll. Der alte Lehrer fragte dann: »Welche großartige Wahrheit beweist uns dieses Experiment?« Gar nicht so dumm, erwiderte da der wagemutigste Schüler, indem er dabei an das Thema des Kurses dachte: »Das beweist: Auch wenn man meint, dass unser Terminkalender vollständig ausgefüllt ist, kann man — wenn man es wirklich will — noch immer mehr Termine und noch mehr Dinge, die zu erledigen sind, hinzufügen.« »Nein«, antwortete der alte Lehrer, »das ist es nicht! Die große Wahrheit, die uns dieses Experiment zeigt, ist die folgende: Wenn man nicht die großen Steine zuerst in den Topf legt, dann wird man sie niemals alle hineinlegen können.« Es herrschte eine tiefe Stille, jedem wurde die Offenkundigkeit dieser Worte bewusst. Dann sagte der alte Lehrer zu ihnen: »Was sind die großen Steine in Ihrem Leben? Ihre Gesundheit, Ihre Familie, Ihre Freunde, Ihre Träume, Ihre berufliche Karriere? Was man davon behalten muss, ist, dass es wichtig ist, die großen Steine in seinem Leben vorrangig zu behandeln, wenn man nicht Gefahr laufen will, im Leben nichts zustande zu bringen. Wenn man dagegen die Priorität dem Schund — den Kieselsteinen, dem Sand — einräumt, füllt man sein Leben mit Belanglosigkeiten, mit Dingen ohne Bedeutung und ohne Wert und wir werden dann keine Zeit mehr haben, um sie den wichtigen Dingen zu widmen. Vergessen Sie also nicht, sich die Frage zu stellen: Was sind die großen Steine meines Lebens? Und dann legen Sie sie an erster Stelle in den Topf ihres Daseins.« Mit einer freundschaftlichen Handbewegung verabschiedete sich der alte Lehrer von seinem Hörerkreis und verließ langsam den Saal.

Ist das Gebet einer dieser großen Steine eines Lebens? Ich antworte mühelos: Das Gebet muss tatsächlich der große Stein sein, der den Topf unseres Lebens erfüllen muss. Das ist die Zeit, in der man nichts anderes tut, als mit Gott zusammen zu sein. Das ist die kostbare Zeit, in der sich alles abspielt, in der sich alles erneuert, in der Gott handelt, um uns Ihm gleich zu gestalten.

Der heilige Paulus ermahnt uns oft, im Gebet und Flehen zu leben: »Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen« (Eph 6,18). Doch zugleich betont er unsere Unfähigkeit, dass wir nicht wissen, wie wir in rechter Weise beten sollen; dennoch kommt uns der Heilige Geist zu Hilfe und er selbst »tritt für uns ein mit Seufzen, dass wir nicht in Worte fassen können« (Röm 8,26).

Das Gebet ist zunächst das Werk des Heiligen Geistes, der in uns betet, uns innerlich umgestaltet und uns in die Vertrautheit des einen und dreifaltigen Gottes versenkt. Das ist auch der Grund dafür, warum es entscheidend ist, zu schweigen und Gott zuzuhören, damit einverstanden zu sein, sich vor Gott zu entblößen und sich ihm, der in uns gegenwärtig ist, ganz zu überlassen. Das Gebet ist kein Augenblick der Magie, in dem es darauf ankommt, diese oder jene Beschwerden vorzubringen, um unser Wohlbefinden zu steigern. Die innere Stille ermöglicht uns, dem Gebet des Heiligen Geistes zu lauschen, das zu unserem Gebet wird. Der Geist tritt an unserer Stelle ein. In unserem Gebet sind es nicht unsere Worte, die wichtig sind, sondern es geht darum, dass es uns gelingt zu schweigen, um den Heiligen Geist sprechen zu lassen, um ihn für uns seufzen und sich für uns einsetzen zu hören. Wenn wir in das mysteriöse Schweigen des Heiligen Geistes eintreten, werden wir gewiss erhört, weil wir ein Herz erreichen, das uns zuhört. Gott antwortet uns nicht so, wie wir es uns erwünscht hätten, umso mehr, als dass wir oft um unmögliche Dinge bitten — wie Kinder, die sich tausende von Geschenken wünschen. Das darf uns jedoch nicht von Gott entfernen, wenn die Probleme real sind, uns peinigen und wir die tiefste Nacht des Zweifels durchleben. Das Gebet ist eigentlich keine außergewöhnliche Handlung, sondern es ist das Schweigen eines Kindes, das seinen Blick ganz auf Gott hin richtet. Das Gebet — das bedeutet, Gott in uns ein wenig frei zu lassen. Es gilt, ihn in der Stille, in der Hingabe und im Vertrauen unerschütterlich und ausdauernd zu erwarten, sogar dann, wenn er in unserer inneren Nacht im Dunkel bleibt.

Das Gebet fordert, wie jede Freundschaft, Zeit, um sich zu verfestigen. Das Gebet ist daher eine bisweilen beschwerliche Schule. In der Stille auszuhalten, kann eine lange und trockene Durststrecke, ohne Wasser oder Nahrung, sein, bei dem es uns passieren kann, dass wir wie die heilige Therese von Lisieux sagen: »Ich weiß sogar nicht mehr, ob ich an das glaube was ich singe.« Der Gläubige, der betet, wandelt durch di Nacht und bleibt oft ein Pilger, der das Licht sucht. Beten bedeutet, in den Willen Gottes einzutreten. In bestimmten Au genblicken, wenn wir uns in der dunklen Nacht des Leiden und des gegen uns gerichteten Hasses befinden, könnte es uns passieren, dass wir wie Jesus rufen: »eli eli lama sabachthani« (»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«) (Mk 15,34). Niemand wird den Sinn dieses Schreis verstehen, denn es ist ein Gebet, ein Ruf des Glaubens zu unserem Gott und unserem Vater: Es ist der Ruf Jesu am Kreuz, ein Ruf der kindlichen Hingabe an den einzigen Willen des Vaters, mit dem Ziel, die bereits im Garten von Getsemani besiegelte totale Unterwerfung zu bestätigen. Als er, von Angst ergriffen, betete und sein Schweiß zu Blutstropfen wurden, die zur Erde fielen, verkündete er: »Abba, Vater, alles ist möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst (soll geschehen)« (Mk 14,36).

Gott hat uns zuerst geliebt. Beten bedeutet, sich lieben zu lassen und sich selbst zu lieben. Beten bedeutet, Gott anzuschauen und sich von ihm anschauen zu lassen, es bedeutet, sich wirklich in die Lage versetzen zu können, Gott anzuschauen, der in uns als dreifaltiger Gott lebt und wohnt. Das ist kein Bild; der Vater, der Sohn und der Heilige Geist leben in Wirklichkeit in uns. Sie haben in der Einheit und in der trinitarischen Gemeinschaft in uns Wohnung genommen. Ein einziger Gott in drei unterschiedlichen Personen, das ist das Herzstück unseres Taufversprechens. Wir sind tatsächlich die Bleibe Gottes. Wunderbar erklärt das der heilige Athanasius in seinem Brief an Serapion dem Bischof von Thmuis: »Und wenn der Geist in uns ist, so ist auch der Logos, der ihn gibt, in uns und im Logos ist der Vater. So ist, wie schon ausgeführt wurde, die Stelle gemeint: »Ich und der Vater werden kommen und die Wohnung bei ihm nehmen« (Joh 14,23). Denn wo das Licht ist, da ist auch der Glanz, und wo der Glanz ist, da ist auch seine Wirkung und die strahlende Gnade.«

Der Ort des Gebets ist die Seele. Dennoch müssen in diesem Gott vorbehaltenen Heiligtum, in diesem Haus Gottes, Einsamkeit und Schweigen herrschen. Denn im Gebet ist es im Wesentlichen Gott, der spricht und der uns aufmerksam zuhört, während wir uns auf die Suche nach seinem Willen begeben. Beten — das bedeutet, Gott zu suchen und ihn sein Antlitz und seinen Willen uns offenbaren zu lassen. Freilich, wir glauben, dass Gott in uns lebt und wohnt, doch oftmals lassen wir ihm nicht die Freiheit, zu leben, zu handeln, sich zu bewegen und sich zu äußern. Wir besetzen den gesamten Bereich unseres inneren Gefildes — den ganzen Tag auf unbegrenzte Zeit. Wir versteifen uns darauf, immer viel zu tun, viel zu sprechen und viel zu denken. Wir füllen die Bleibe Gottes mit so viel Lärm

Wir müssen lernen, dass die Ruhe der Weg zu der persönlichen und vertrauten Begegnung mit der stillen, aber lebendigen Anwesenheit Gottes in uns ist.

Gott findet sich nicht im Orkan, im Erdbeben oder im Feuer, sondern im Säuseln einer leichten Brise. Um wirklich zu beten, muss man eine gewisse Reinheit des Herzens kultivieren und wahren, oder anders ausgedrückt, man darf nicht in einem inneren oder äußeren Getöse leben oder aufwachsen, in der Zerstreuung und den weltlichen Ablenkungen; manche Vergnügungen entzweien und zerstreuen das Zentrum unseres Seins und lassen es hin- und hergerissen sein. Die geistliche Reinheit, die innere Stille und die erforderliche Einsamkeit sind die Felsen, die für das Leben mit Gott in einem vertrauten Gegenüber mit Ihm am ehesten von Vorteil sind.         

Auf unserem Gesicht leuchtet der Glanz des Antlitzes Gottes, wenn wir aus dieser Begegnung wieder hervortreten, wie bei Mose, als er vom Berg herunterstieg, nachdem er mit dem Allmächtigen gesprochen hatte. (Robert Kardinal Sarah, Gott oder nichts)

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